Berlin Marathon 2001 - Mehr als nur ein Lauf
ein Bericht von Heinz Thunhart, Nürnberg

Berlin Marathon 2001 - Mehr als nur ein Lauf

Nürnberg, Heinz Thunhart. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Unwillkürlich skandierte ich den Fußballslogan vor mich hin, als ich mich am 28.09.2001 auf den Weg machte, um in Berlin mit 58 Jahren meinen ersten Marathon zu laufen. Bereits auf der Fahrt quälten mich die ersten Zweifel. Habe ich gut genug trainiert? Werde ich ankommen, und wenn ja, in welcher Zeit? Meinen Freunden habe ich erzählt, dass ich mir die "Schallmauer" von 4 Stunden vorgenommen habe, eine Zielzeit von 3:59:59 soll sie knacken. Doch wie soll das gehen? Im Training bin ich nie mehr als 30 Kilometer am Stück gelaufen und morgen sollen es 42 Kilometer und 195 Meter werden! Mein Nervenkostüm beruhigt sich wieder etwas, als ich an den von mir strikt eingehaltenen Trainingsplan denke. 720 Kilometer bin ich in den letzten 12 Wochen zur Vorbereitung gelaufen, der Trainingsplan verspricht: Du schaffst es!

Sonntag Morgen. Der Countdown läuft. Ich fahre mit der S-Bahn zum Start. Auf dem Bahnsteig stehen schon einige Läuferinnen und Läufer mit ihren Kleiderbeuteln. Man lächelt sich freundlich an. Es ist sieben Uhr morgens. In Berlin scheint es nur noch Marathonläuferinnen und -läufer zu geben, wenn ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich die Cracks zu den Haltestellen strömen. Nach den Angaben der Veranstalter war ich auf dem Weg zu Deutschlands bisher größter Laufveranstaltung. 31.406 Läufer, 6.105 Inline-Skater, 121 Rollstuhlfahrer und 187 Power-Walker waren am Start. Für die Teilnehmer aus 85 Nationen gab es 100.000 Bananen, 35.000 Äpfel und 650.000 Trinkbecher. Ich bin bei meinem Startbereich (dem Block für Anfänger) angekommen. Die Aufwärm-Gymnastik ist im vollem Gange. So ein "Warm-up" habe ich noch nicht erlebt. Erst zögernd, dann mit voller Begeisterung wärme ich mit den tausend anderen auf. Doch schon wieder melden sich Zweifel. Ohne "Einlaufen" an den Marathonstart gehen? Aber sehr bald merke ich, wie locker ich werde und wie gut ich drauf bin. Kurz vor dem Start wird noch das Lied "New York, New York" gespielt, denn der Lauf steht unter dem Motto: "United we Run".

Dann fällt wohl Punkt 9.00 Uhr der Startschuss, den ich zwar nicht höre, aber die Menge vor mir setzt sich in Bewegung. Rund sieben Minuten später überquere ich erst die Startmatte, aber das ist ja egal. An meinem rechten Schuh befindet sich ein Chip, der meine reine Laufzeit festhält. Er dient gleichzeitig als Kontrolle für den Veranstalter, denn alle 5 Kilometer muss man über eine Zeitmatte laufen. Nach etwa zwei Kilometer spricht mich ein Berliner an. Meine Antworten fallen etwas spärlich aus, denn ich brauche die Luft zum Atmen. Nach etwa drei Kilometer kommt bereits das Brandenburger Tor. Keine Staus, kein Gedränge, obwohl nur drei der fünf Durchgänge wegen Baumaßnahmen geöffnet sind. Im letzten Augenblick wähle ich einen anderen Durchgang als der Berliner und bin dann in der Menge verschwunden. Jetzt finde ich so richtig zu meinem Rhythmus. Das ist es, was mir jetzt an diesem Marathonlauf so gut gefällt. Ich laufe gegen niemand, nur gegen mich selbst. Viele sind langsamer, sehr viele sind schneller. Es spielt jedoch einfach keine Rolle. Gemeinsam Spaß haben, sich selbst etwas abfordern, darin sehe ich den Sinn dieses Laufes. Wir sind "Unter den Linden", die Prachtstraße Berlins. Humboldt-Universität, Deutsche Staatsoper (da war ich doch erst am Freitag in "Don Giovanni", Kultur muss schon auch sein), Opern- und Kronprinzenpalais, Schlossbrücke, Berliner Dom, ich komme mit dem Schauen nicht nach. Die Zuschauer lenken mich durch ihre Anfeuerungsrufe ab. Das Publikum steht in 3er Reihen hinter der Absperrung und johlt, trötet, hupt und singt. Ihr seid fantastisch, Ihr Berliner! Am anderen Morgen steht in der Zeitung, dass rund eine Million Zuschauer die Strecke säumten. Wahnsinn!

Bei Kilometer 12 kommt der Potsdammer Platz. Ich habe jedoch wenig Zeit, die verspiegelten Fassaden der modernen Hochbauten zu bewundern. Ich muss weiter, jetzt rollt`s. Hasenheide, Kilometer 21. Die Hälfte ist geschafft. Ich vergleiche meine Zwischenzeit von 1:56 mit meinen bisher gelaufenen Halbmarathons. In Meran und Röthenbach war ich zwar 3 Minuten schneller, aber heute liegen ja noch einmal 21 Kilometer vor mir. Ich rechne die Zeit hoch, ja, es könnte mit den 4 Stunden knapp klappen. Bei Kilometer 25 bin ich in Hochstimmung. Meine Frau versorgt mich am vereinbarten Treffpunkt mit frischen Getränken für meinen Laufgürtel. Meine Selbstversorgung erspart mir das Gedränge an den Versorgungsstellen. Meine Frau und meine Schwägerin fahren mit der U-Bahn zum Kurfürstendamm zurück, sie wollen mich am Ende der Strecke noch einmal anfeuern. Für mich kommt bald der ominöse Kilometer 30. Hier steigen die meisten aus, da sollen die größeren Schwierigkeiten anfangen. Am Steglitzer Rathaus ist Kilometer 30 erreicht. Was ist los? Ich merke Gott sei Dank (noch) nicht viel. Ich jubele innerlich über die Zwischenzeit von 2:46. Jetzt noch im Trainingstempo von 6 Minuten pro Kilometer die restlichen 12 Kilometer schaffen und mein Traum wird wahr. Wilder Eber (Kilometer 35/36). Hier geht die Post ab. Die Samba-Trommeln machen mir Beine, die jetzt doch etwas schwer werden. Bei Kilometer 39 kommt die letzte Verpflegungsstation " an der letzten Tränke" .Wann kommt denn endlich der Kurfürstendamm? Jetzt wird es eng. Ich bin müde. Kurz vor dem Ku`damm reiße ich mich noch einmal zusammen. Dort vorne nach der Kurve stehen meine "Fans", also Kopf hoch und Gas geben. Ich "rase" um die Ecke und merke, dass ich "früher" dran bin wie ausgemacht. Schade! Auf dem Ku`damm sehe ich bald die Gedächtniskirche und es sind nur noch drei Minuten bis zu der 4-Stundengrenze. Ich gebe alles. Das Ziel ist in Sicht. Geschafft, ich überquere in 3:58:59 die Ziellinie.

Später erfahre ich, dass dies für den 13.318 Platz insgesamt und Platz 439 (von 996) in meiner Altersklasse reichte. Aber das ist eigentlich egal. Müde laufe ich die 2 Kilometer am Ku`damm entlang zu unserem Treffpunkt zurück, wo mich meine Frau erleichtert in die Arme schließt. Sie war schon in Sorge, denn immerhin mussten die Rot-Kreuz-Helfer in 240 Fällen eingreifen, 5.614 Läufer gaben auf. Für mich jedoch ging ein Mega-Erlebnis ohne Beschwerden zu Ende. Dank an dieser Stelle besonders meinen Freunden vom Lauftreff Franken, die mich in meiner Vorbereitung so toll unterstützt haben.

Heinz Thunhart

© Dirk Wackernagel 1998-2002; http://www.lauftreff-franken.de ; E-Mail: dirk@lauftreff-franken.de