"1. OSSI-ULTRA" vom Fichtelberg zum Kap Arkona über 578 km in sieben Tagen
3. Etappe: Bad Düben - Beelitz, 79,0 km, 28. Mai 2001

Bad Düben, wa. Keiner von uns, die Betreuer eingeschlossen, konnte behaupten, ausreichend geschlafen zu haben. Die ersten beiden Tage mußten erstmal verdaut werden. Der Körper braucht halt seine drei bis vier Tage, um zu akzeptieren, daß es für ihn kein Erbarmen geben wird.

Nach der zu kurz geratenen Nacht stand der wohl originellste aller Starts auf dem Programm. Günter Tempelhof, Chef des Kurhauses in Bad Düben, schickte uns mit dem größten aller Kurhaus- Kochlöffel auf die anstehende Etappe. Die Stimmung war bestens. Das Wetter schien noch zu halten, obwohl Regen angesagt war.

Die ersten fünf Kilometer verliefen zunächst auf Waldwegen durch die Dübener Heide. Das war für uns eine willkommene Abwechslung zum harten Straßenbelag und dem lästigen und teilweise auch gefährlichen Straßenverkehr. Von den Temperaturen her war es deutlich angenehmer, als noch am Vortage. Nach 17,5 °C und bedecktem Himmel um 7 Uhr morgens stiegen die Grade nicht über die 20er Marke hinaus an.

selten gab es mal Radwege
Stramme Waden

Uns war es recht. Felix atmete sichtlich auf, denn er hatte offensichtlich mit hohen Temperaturen am meisten Schwierigkeiten.

In der Dübener Heide bereiteten uns noch ein paar wellige Abschnitte einen relativ zähen Etappenauftakt. Der flüssige Laufrhythmus kam aber trotzdem fast schon wie vorprogrammiert nach zehn bis fünfzehn Kilometern. Wir hangelten uns in bewährter Manier in Abschnitten von vier bis 5 Kilometern von Pause zu Pause. Etwa fünf Minuten betrug jeder Verpflegungsstop im Durchschnitt. Da waren nach einsetzendem Nieselregen Füße trocken zu legen oder Kleidung und Schuhe wurden gewechselt. Von Zeit zu Zeit wurden auf besonderen Wunsch von Willi unwillige Muskeln wieder aufgepeppt, Tee, Wasser, Cola und Nudelsuppe wurden geschlürft und ab und zu wurden Bananen, Riegel, Schokolade, Kekse und Wurstbrote verputzt. Im letzten Bericht werde ich noch auflisten, was so mengenmäßig bei den insgesamt 150 Verpflegungspunkten verabreicht worden ist.

Es war der Tag, an dem auch bei mir die ersten ernstzunehmenden Gebrechen auftraten. Die Beschwerden im linken Hüftgelenk ließen sich nicht mehr wegbeamen.
Früher konnte ich mich überhaupt nicht mit zusätzlichem Balast, wie Getränkeflaschen, Telefon oder Walkman am Körper anfreunden. Das Handy war für unsere Sicherheit auf der Strecke schon nötig, aber ein Walkman?
Es half mir aber, mich von diesen bisher nie bei Läufen aufgetretenen lästigen Beschwerden abzulenken. Ein bischen Musik, die Latest News vom jeweiligen Regionalsender und vor allem die lustigen Radioshows verkürzten für mich die Zeit, bis eine Krise endlich wieder überwunden war.

Der einsetzende und zum Abend hin immer stärker werdende Regen weichte die Füße auf, so daß die Gefahr immer größer wurde, Blasen zu bekommen. Ich weiß nicht mehr wer, aber einer klagte über eine ganze Blasenkolonie an den Füßen. Wenn man wie ich mit starken Gelenkschmerzen zu tun hat, die jeden Kilometer doppelt erscheinen lassen, kann man meinen Kuhhandel nachvollziehen, den ich diesem Geplagten angeboten habe: "Gib mir Deine zehn Blasen und du bekommst dafür meine Gelenkschmerzen." Nicht verwunderlich: Er hatte dankend abgelehnt.

 
   
Regen - nasse Füße - Blasen? Das muß nicht sein!

Meine geschwollenen Knöchel waren zwar immer noch dick, aber die anderen Schmerzen schienen dieses Übel komplett zuzudecken. Ich hatte also keine Knöchelprobleme - Punkt.

Bei Steffen (Fußprobleme) und Horst (Kräfteverschleiß) zeigten sich noch ganz andere Gebrechen (siehe Bild unten). In der Mittagspause blödelten Sie im Bus das schlechte Wetter regelrecht zu Boden. Da half auch keine Massage mehr. Hoffnungslos eben...

Nach vierzig Kilometern kamen nochmal ein paar lange Anstiege, die uns das Leben schwer machten. Daß total 200 Kilometer im Kasten waren, baute uns dann aber wieder auf. Der zunehmende Regen und der eklig-häßliche Kantenwind zwangen uns zu immer kürzeren Pausen. Wir aßen und tranken beim Laufen. Die Muskeln mußten in Bewegung bleiben. Ein Auskühlen wäre fatal gewesen.

 

Über Lutz schrieb Britta im Protokoll: "Lutz ist richtig fröhlich. Er fühlt sich fast schon zu gut." Und das war nach acht gelaufenen Stunden!

Der Rest des Tages verlief entgegen aller Hoffnungen nur noch im Dauerregen. Das Thermometer sank auf 17 °C ab. Die "trockenen" Fotos auf dieser Seite stammen hauptsächlich vom Vormittag.

Die Klamotten waren klatschnaß durchgeweicht, die Schuhe selbstredend inklusive. Jetzt zeigte sich aber wieder mal, daß Funktionskleidung nicht nur teuer ist, sondern die Haut an deren Oberfläche warm hält.

Erste ernste Schäden ...
Mittag ist fertig...!

Lange Geraden auf der Bundesstraße ließen neben dem Wetter gegen Ende der 79 km das ganze Unternehmen zum Kampf werden.

Alle waren wir froh, daß dieser Tag auch ein Ende haben würde. In Beelitz war es fast schon "dunkel" als wir im Zentrum am Hotel ankamen. Dabei war es gerade erst 18.51 Uhr. Nach 11:16 h brutto und 9:40 h netto hatte der Spaß endlich ein Ende.

Weniger berauschend war der Empfang im Hotel. "Bitte treten Sie unbedingt Ihre Füße ab!"

Dieses scheinbar bedürftige Hotel und das in Bad Düben trennen Welten. Anscheinend wollte der Besitzer auf keinen Fall, daß wir verwöhnt werden könnten. Selbst ein für unseren Zeitplan nötiges pünktliches Frühstück am nächsten Morgen brachte man nur mit Verspätung zustande.

Selbst Fußwege in Wittenberg wurden für die Massage in Anspruch genommen. Die Einwohner trauten eh kaum ihren Augen, wenn sie am Auto lasen: "578 km vom Fichtelberg zum Kap ......

Nach einem italienischen Abendessen (es war wieder Nudel-Time) verschwanden wir ohne viel Zeit zu verlieren auf den Vierbettzimmern. Fußpflege stand heute als "besonders wichtig" auf dem Plan. Ich für meinen Teil hatte immernoch mit meiner Hüfte zu tun. Das Einschlafen war für mich ein echtes Problem gewesen. Britta mixte noch unsere Getränke, Willi massierte Muskeln und Frank organisierte die Getränke (Tee usw.) für die Etappe nach Oranienburg. Dann war Schicht im Schacht.....

Fortsetzung folgt.....

Dirk Wackernagel 1998-2001; http://www.lauftreff-franken.de; E-Mail: dirk@lauftreff-franken.de