"1. OSSI-ULTRA" vom Fichtelberg zum Kap Arkona über 578 km in sieben Tagen
2. Etappe: Claußnitz - Bad Düben, 87,0 km, 27. Mai 2001

Claußnitz, wa. Als der Wecker halb sechs klingelte, war mir nicht so richtig klar, ob er mir galt. Normalerweise wird am Tag nach einem siebziger Kanten zünftig ausgeschlafen. Diesmal scheinbar nicht! Ich begann zu begreifen, daß der zweite Ultra-Arbeitstag begonnen hatte und killte den Krachmacher.

Nach einem für solche Verhältnisse mondänen Frühstück, begann die Vorbereitung für die bevorstehende Etappe. Laufkleidung festlegen, Füße pudern (Blasenprophylaxe), Abkleben und Cremen "zarter" Stellen, Walkman checken (für die Krisenbewältigung), Taschen packen, Trinkflasche füllen, Sonnencreme im Nacken und an den Waden auftragen, Wechselsachen wohlüberlegt im Auto platzieren, Schuhe binden (ohne drückende Knoten), Nachwehen vom Vortag abschalten oder wegmeditieren, also eingerostete Gelenke und angesäuerte Muskeln an die harmonische Bewegungsform gewöhnen...usw. Ein ganz normaler Tag für Ultra-Etappenläufer brach an....

Nachdem die Verpflegung, der frisch von der Pensionswirtin zubereitete Tee und unsere Sachen in den zwei Autos verstaut waren, ging es an die Startlinie. Niemand verschwendete auch nur einen nutzlosen Gedanken an die Vorstellung, wie lang für uns die heutige Etappe werden würde. 87.000 m - okay. Das ist aber nur der rein rationale Teil, sozusagen der Fakt an sich.

Start in Claußnitz
 
die ersten Kilometer

Der andere Part war die Empfindung - die individuell sehr unterschiedliche Art und Weise des Erlebens der Distanz (Qual oder nicht Qual, das war hier die Frage).
Nach fünf oder sechs gelaufenen noch sehr unbequemen Kilometern wurde uns wieder bewußt, daß alles nur eine Frage der Bewegung war. Ein Phänomen, daß wohl nur Etappenläufer kennen. Alles, was diesen Läufer aus dem Rhythmus bringt, ist ermüdend.

Nachdem wir auf der Bundesstraße 107 einen kleineren Anstieg hinter uns gelassen hatten, kam ein "Autofahrer" im Tiefflug mit geschätzt vielleicht 150 km/h von hinten über die Kuppe geprescht. Das für ihn bei dieser Geschwindigkeit die Straße plötzlich verdammt eng wurde, ist nicht schwer nachzuvollziehen. Kurz darauf kam der vielleicht sogar unter Alkohol stehende Radikale ebenso rasant wieder zurück und versuchte uns, mit dem Wortschatz eines BILD-Zeitungslesers zu belöffeln. Irgendwann schien ihm das Ganze angesichts der Präsenz von fünf Männern etwas zu heiß zu werden und er fuhr los. Nach 30 m hielt er mit quietschenden Reifen wieder an, machte die Kofferklappe auf und drohte auf unmißverständliche Weise mit einem Baseballschläger. Er suchte förmlich den Streit. Wir taten ihm nicht den Gefallen und sahen zu, daß wir unseren Laufrhythmus wiederfanden.

Das wellige Profil der heutigen Strecke unterschied sich nur sehr unwesentlich von dem gestrigen. Der Straßenverkehr selbst war zunächst noch angenehm sonntäglich. Über Rochlitz, Colditz, Grimma, Wurzen und Eilenburg ging es fast ausschließlich entlang des weißen Streifens der B 107 Richtung Norden. Die Stimmung war prächtig. Wir paßten als Team wunderbar zusammen. Horst beglückte uns in altbewährter Weise mit Witzen, Britta war als rasende Fotoreporterin in Amt und Würden, Frank lief hin und wieder ein paar Kilometer mit den Cracks mit und Willi genoß die entspannende Atmosphäre am Rande der Piste.

Nach und nach schlichen sich aber die ersten kleineren Beschwerden ein.

 

Bei mir begannen die vorderen Knöchel anzuschwellen, Steffen "klagte" über kleinere Wadenprobleme, Felix kam mit der für ihn unerträglichen Hitze (27 °C im Schatten) nicht so richtig zurecht und Horst kämpfte mit der (durch gesundheitlich bedingtem Trainingsausfall in der Vorbereitung hervorgerufenen) fehlenden Frische. Nur Lutz war wunschlos glücklich.

Hinter Grimma, nach etwa 45 km, wurde es zunehmend schwieriger, in der Gruppe zu laufen. Der erste Tag und das sich fortsetzende Auf und Ab, wurde von jedem einzelnen unterschiedlich verkraftet. Der eine ging lieber die Anstiege hinauf, ein anderer brauchte seinen ganz persönlichen Rhythmus. Ich für meinen Teil steppte die Berge hinauf. Die Vorbereitung auf diesen Lauf hatte ich ganz bewußt mit Bergtraining im Thüringer Wald verbunden. Dies begann sich hier auszuzahlen. Ich hoffte dennoch, daß mich am Ende der fast 90 km die Kräfte nicht verlassen würden.

 
An der Grunaer Fähre wurden wir von der Laufgruppe des Bad Dübener Turnvereins Blau Gelb '90 herzlich begrüßt und bis in die Kurstadt mit dem Fahrrad begleitet. Ab hier ging es entlang der Mulde auf Wiesenwegen Richtung Ziel. Irgendwie hatten wir das Gefühl, daß jeder Kilometer jetzt doppelt so lang ist. "Es" wollte einfach nicht enden.
Trainer Willi beim Entspannen
 
ein TV-Team empfing uns kurz vor Bad Düben bei km 76

Felix kämpfte immernoch mit den Auswirkungen der Hitze vom heutigen Tage, obwohl es bereits nach 19 Uhr war und die Temperaturen auf 20°C zurückgegangen waren. Es war ihm anzusehen, daß der Kreislauf gelitten hatte.
An Aufgeben war aber kein Gedanke zu verschwenden.

Wir nahmen "das Tempo" etwas raus und liefen dann gemeinsam ins heutige Etappenziel, dem "Heide Spa" ein.

Am Erlebnisbad empfingen uns der Kurdirektor Reiner Heun und der Heimatverein mir einer läufergerechten und gutgekühlten Apfelsaftschorle.

Das Massageteam stand bereit, um uns wieder locker zu machen. Zum Erstaunen der Physiotherapeuten waren unsere Muskeln weitgehend unbeschadet über die Strecke gekommen. Kaum, daß irgendwo ein verhärtetes Bündel Muskelfasern zu finden war.

 
Im Hintergrund das Massage-Team um Klaus Peschka, das schon darauf wartet, unsere Muskeln wieder fit für die nächste Etappe zu machen. Sie sind extra für unsere zarten Muskeln aus Halle/ Saale angereist. Herzlichen Dank Euch Dreien!
 
     

Nach netto 11:05 und brutto 12:54 Stunden war die Marke 158,4 km erreicht. Der Chef des Kurhauses Günter Tempelhof empfing uns in seiner gepflegten Herberge und spendierte uns großzügig ein vitamin- und kohlenhydratreiches Dinner. Kein noch so spezieller Läuferwunsch blieb unberücksichtigt. Herzlichen Dank dafür!

Zielankunft um 19:54 Uhr, Massage bis 20:45 Uhr, Einchecken, Duschen, Abendessen, plötzlich war es nach 11. Wir mußten dringend in die Federn, denn am nächsten Tag standen 79 km diesmal nach Beelitz auf dem Plan.

Fortsetzung folgt.....

© Dirk Wackernagel 1998-2001; http://www.lauftreff-franken.de; E-Mail: dirk@lauftreff-franken.de