"1. OSSI-ULTRA" vom Fichtelberg zum Kap Arkona über 578 km in sieben Tagen.
1. Etappe: Fichtelberg (1142 m ü. NN) nach Claußnitz bei Chemnitz, 71,4 km, 26. Mai 2001
 
Oberwiesenthal/ Fichtelberg, wa. Es ist unglaublich. Kurz vor Weihnachten letztes Jahr rief mich Laufkollege Steffen Brost aus Bad Düben an und "fragte"(!) mich: "Paß auf, wir machen folgendes: Wir starten auf dem Fichtelberg und laufen dann in sieben Tagen zum Kap Arkona auf Rügen. Das sind knapp 600 km. Du hast doch Ende Mai Zeit, oder?" Ich wollte ihn fragen, ob diesmal Weihnachten ausfällt oder sonst irgend etwas passiert ist. Aber der Funke, an dieser wohl eher phantastischen und reizvollen Idee teilzuhaben, war sofort auf mich übergesprungen.

Ich sagte zu, ohne zu wissen worauf ich mich da einließ. Schon kurz nach dieser leichtsinnigen Zusage wurde mir klar, was das für mein künftiges Trainingspensum und meine Trainingsdisziplin bedeutete. Parallel dazu berichtete ich auch noch hier an dieser Stelle vom Trans Australia Footrace, der bekanntlich nicht über sieben, sondern über 63 solche Etappen ging.

Auf der einen Seite waren es "nur" sieben Etappen, auf der anderen war es für mich die unvorstellbare Belastung über eine ganze Woche. Ja wie denn nun: Ich mußte für mich erstmal klären, ob dieser Wahnwitz machbar ist. Schnell kam ich zu der Erkenntnis, daß ich es erst erfahre, wenn ich es tun würde. Okay.

Im März hatten Steffen und ich die Strecke unter die Reifen genommen, Übernachtungen für insgesamt fünf Aktive und drei Betreuer organisiert, jede denkbare "Sehenswürdigkeit" am Straßenrand mit einer virtuellen Kilometermarke versehen, Sponsoren gewonnen, die fünfzehnseitige Streckenbeschreibung erarbeitet und, und und...

Nach gründlicher Vorbereitung (etwa 1700 gelaufene Kilometer und Teilnahme an diversen Laufveranstaltungen, wie 6-h-Lauf im März, 5-Etappenlauf über harte 168 km auf dem verschneiten Rennsteig im April), fühlte ich mich guten Mutes, diese Herausforderung zu packen. Als meine Frau Britta mir auch noch den Rücken stärkte, indem sie sich für die Läuferbetreuung mit zur Verfügung stellte, gab es für mich kein zurück mehr. Am Freitag, dem 25. Mai, starteten wir in Richtung Fichtelberg. Je näher wir dem Startort kamen, umso unruhiger wurde ich. Jetzt mußte es endlich losgehen.

 

Die Aktiven Steffen Brost (31, Bad Düben), Horst Kempe (56, Köln), Felix Kainz (37, Berlin), Lutz Jaekel (37, Dommitzsch) und Dirk Wackernagel (38, Wendelstein, ;-)) that's me) und das Betreuertrio Britta Wackernagel, Frank Reinicke und Willi Gruensfelder trafen sich bei bester Laune und noch besserem Wetter in einem Cafè am Fuße des Fichtelberges. Noch wurden Witze erzählt...zum Aufbauen!

Die notwendigen Vorbereitungen für den ersten Tag wurden getroffen. Britta mixte die gesponserten ULTRA SPORTS Buffer-Getränke für die ersten 71,4 km, Willi massierte die edlen Beine der Läufer und Frank kümmerte sich um die Läuferverpflegung. Am Vorabend des denkwürdigen Starts gab es kohlenhydratreiche, aber leider vom Koch des Hotels versalzene Makkaronis und ...ja!..Köstritzer Schwarzbier. Vorsichtshalber waren wir müde und gingen zeitig in die Betten.

 
 

Punkt 9 Uhr ging es bei etwa 12 °C am Fichtelberghaus los. Wir hatten eine phantastische Sicht in die Erzgebirgslandschaft. Im Gepäck hatte jeder der fünf Läufer einen Stein vom Fichtelberg, der nach erfolgreicher Mission am Ziel in die Ostsee geworfen werden sollte.
Auf den ersten sechs Kilometern ging es zunächst erstmal brachial bergab. Von 1142 m ü.NN bis auf etwa 550 m ü.NN hinunter führte uns die Himmelsleiter über die Vierenstraße nach Neudorf.

25 heiße Grad und eine gnadenlose Sonneneinstrahlung forderten bereits auf der ersten sehr stark profilierten Etappe jede Menge Schweiß. Das Betreuerteam hielt alle vier bis fünf Kilometer erfrischende Getränke bereit. Das taten sie sehr liebevoll, denn Speis und Trank waren mundgerecht und griffbereit an der "Theke" placiert. Professionell halt.

Man mag es sich nicht vorstellen, aber wir liefen lieber bergauf als bergab. Die harte Asphaltunterlage entlang des noch liebzugewinnenden weißen Streifens am Straßenrand und die relativ steil bergab und bergan führenden Straßen waren sehr gewöhnungsbedürftig. Es war Samstag, der Straßenverkehr war noch erträglich und die Strapazen hinterließen noch keine sichtbaren Zeichen. Bis der harte ca. 4 km lange Anstieg bei Ehrenfriedersdorf das Grüppchen auseinanderriß. Am nächsten Verpflegungspunkt sammelten wir uns aber wieder, denn wir wollten als Team die Herausforderung packen.

 
Kurz vorm Ortseingang Chemnitz, bei km 45, machten wir "Mittag". Es gab köstliche Wurstbrote, für Nichtläufer vergleichbar mit Hummer per midon (oder so ähnlich). Der Schatten war eine ebenso willkommene Abwechslung, wie das Entspannen bei einer lockeren Massage aus den goldenen Händen von Willi. Der Trainer, so nannten wir ihn anerkennend, hat inzwischen die 70er Marke hinter sich gelassen. Er selbst war als Läufer auf der 10.000 m Strecke als Westdeutscher Meister 1953 im deutschen Spitzensport anzutreffen und weiß was Läuferbeine wünschen.
Kurze Zeit später liefen wir quer über den Platz vor dem Chemnitzer Rathaus, wo dutzende Bier-, Bratwurst- und Crepes-Buden aufgebaut waren. Die staunenden Besucher des Chemnitzer Stadtfestes wußten nicht, wie Ihnen geschieht, als fünf abgekämpfte bunte Gestalten zwischen den Theken den kürzesten Weg Richtung Norden suchten. So schnell wie wir kamen, so schnell waren wir auch schon wieder verschwunden.


Was wohl am nächsten Montag in der Presse gestanden haben mag...?

Nur drei Kilometer vor der Tagesziellinie, auf dem Garnsdorfer Berg, konnten wir rückwärtsschauend noch einmal den Fichtelberg am Horizont sehen. Dieser Blick zurück war fast ein wehmütiger Abschied von der ersten Etappe.
Nach 9:19 h brutto/ 7:30 h netto erreichten wir unser Ziel in Claußnitz um 18.19 Uhr.

 

Der erste Tag war zwar mit 71,4 km der kürzeste Abschnitt der Tour, aber von der Eingewöhnung an die nun tägliche Belastung, von den Temperaturen und von den Höhenmetern her im nachhinein gesehen, einer der härtesten.
Wir hatten jetzt drei Wünsche frei - Duschen-Essen-Schlafen. Wir erfüllten sie uns, denn 05.30 Uhr sollte der Wecker wieder klingeln.

Fortsetzung folgt.....

Dirk Wackernagel 1998-2001; http://www.lauftreff-franken.de; E-Mail: dirk@lauftreff-franken.de